18. April 2020 / Allgemeines

Coronaepedemie verstärkt psychische Krisen

Nicht zu spät Hilfe suchen

Veröffentlicht am 18. April 2020 um 06:00 Uhr

Gütersloh. Trennungskrise in Zeiten von Corona. Eine berufstätige Ehefrau hat sich an den sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises gewandt und um Rat in ihrer Trennungskrise gebeten. Sie ist seit einigen Jahren an einer Depression erkrankt, nun will sich ihr Ehemann von ihr trennen. Dies ist bei der aktuellen Einschränkung besonders schwer, beide Eheleute haben jetzt notgedrungen mehr Kontakt miteinander, als sie wollen. Die Erkrankung der Ehefrau verschlechtert sich. Jens Köhler, Leiter der sozialpsychiatrischen Beratung, und sein Team sind auch in diesen schwierigen Zeiten für Menschen, die Hilfe suchen da. Vermehrt komme es zu psychischen Krisensituationen durch die Quarantäne. Bürger versuchen, sich zu beschränken und erleben aber das eingesperrt sein als große Belastung. 

„Psychische Erkrankungen entstehen durch die Quarantäne und die Isolation beziehungsweise sie begünstigen sie“, erklärt Köhler. Die Coranapandemie mit ihren zahlreichen Einschränkungen wirke wie ein Verstärker auf viele Erkrankungen und Krisen. Der persönliche Kontakt, etwa zu Freunden, sei stark heruntergefahren. Nicht mal ein privater Umzug sei einfach in Zeiten der Kontaktbeschränkung. Helfen könne telefonische Beratung. Köhler: „Die Menschen sollen wissen, dass sie sich in Krisen an uns wenden können.“

Dr. Anne Bunte, Leiterin der Abteilung Gesundheit beim Kreis, sieht bei psychischen Erkrankungen Parallelen zu körperlichen Erkrankungen in Zeiten von Corona. Bundesweit hatte die Beobachtung vieler Ärzte Schlagzeilen gemacht, dass viele Patienten  zu spät die Notaufnahmen aufsuchten, etwa bei Herz-Kreislaufproblemen, weil sie sich fürchteten, in Kliniken mit Corona anzustecken. Bunte: „Angesichts der Coronapandemie darf niemand denken, er müsse sich mit seinen psychischen Problemen hinten anstellen. Lieber eher anrufen als später. Dafür ist der sozialpsychiatrische Dienst des Kreises da“, unterstreicht sie. Auch andere Krisentelefone haben sich auf die Situation eingestellt, so auch das Team des Krisendienstes, das außerhalb der Dienstzeiten des Sozialpsychiatrischen Dienstes erreichbar ist. „Gerade die telefonische Beratung ist ein sehr niederschwelliges Angebot. Man muss durch keine Tür, keinen Termin vereinbaren, sondern nur den Hörer in die Hand nehmen“, meint Köhler.

Köhler: „Wir sind für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen und deren Angehörige da. Wir versuchen, unsere Klienten so gut wie möglich zu stabilisieren, allerdings unter stark veränderten Rahmenbedingungen.“ Ziel sei es, die Anrufer zu stabilisieren, ihnen Perspektiven aufzuzeigen. „Die Corona bedingten Beschränkungen sind irgendwann vorbei, aber das Grundproblem vermutlich nicht. Daran müssen wir arbeiten.“

Erschwerend komme hinzu, dass das LWL-Klinikum derzeit seine stationäre Behandlungskapazität reduziert hat. Suchtrehabilitationsbehandlungen in der Bernhard-Salzmann-Klinik finden aktuell noch weiter statt. Wer beispielsweise eine Reha antreten wolle, weil er sich ausgebrannt fühlt, sitze jetzt mitunter im Homeoffice und werde zusätzlich belastet. Köhler erinnert zudem an die vielen Menschen, die durch Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind. Auch das könne Menschen in eine psychische Erkrankung stürzen. 

Ein weiteres Risiko sieht der Psychiater Köhler für Menschen mit Medienabhängigkeit und solche mit Glücksspielsucht. „Die Kontaktbeschränkungen treibe die erste Gruppe regelrecht weiter in ihrer Medienabhängigkeit, wenn man permanent alleine in den eigenen vier Wänden sei und die soziale Kontrolle wegfalle. Corona verstärkt indirekt das Suchtverhalten.“ Auch Menschen, die von Online-Glücksspielen abhängig sind, sehen sich neuen Gefahren ausgesetzt. Diese bekommen sogar Nachrichten von Glücksspiel-Anbietern: Wir sind für dich da! „Das kann die Abhängigkeit verstärken“, so Köhler und auch das Abdriften in illegale Online-Glücksspiele wird befördert, da der Markt der ‚legalen‘ Sportwettenanbieter total zusammengebrochen sei.

Wer Hilfe sucht, kann sich an den sozialpsychiatrischer Dienst des Kreises Gütersloh wenden. Unter der Telefonnummer 05241/85-1718 sind Jens Köhler und sein Team von montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr erreichbar und freitags von 9 bis 15 Uhr. Das Telefon des Krisendienstes unter Telefon 05241/531300 ist montags bis freitags von 19 Uhr abends bis 7 Uhr morgens erreichbar und am Wochenende rund um die Uhr.www.krisendienst-gt.de, www.kreis-guetersloh.de.

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