22. Juli 2021 / Aus aller Welt

Blessemer kehren nach der Flut zurück

Das Hochwasser hat in Erftstadt-Blessem besonders verheerend gewütet. Nun dürfen die meisten Bewohner in ihre Häuser zurück - und stehen dort fassungslos vor dem, was noch übrig ist von ihrem Zuhause.

Nicht zu retten: zerstörtes Mobiliar in Erftstadt-Blessem.

Der obere Teil des massiven Eichenschranks ist unversehrt - hinter den Glastüren stecken Kinderfotos. «Gott sei Dank, wenigstens die Bilder von meinen Enkelchen sind noch da», sagt Susanne Dunkel.

Die 70-Jährige steht in ihrem Esszimmer in Erftstadt-Blessem (Nordrhein-Westfalen): Bis auf den Schrank ist der Raum leer, der Boden ist glitschig von Schlamm. Die Möbel liegen als braun verdreckter Sperrmüll vor dem Haus. «Ich wohne seit 46 Jahren hier - und jetzt sowas. Was soll denn nun werden?», fragt Dunkel und kann Tränen nicht unterdrücken.

Nach mehreren Tagen durften die Bewohner des vom Hochwasser besonders stark getroffenen Ortes Blessem wieder in ihre Häuser. Viele Menschen waren unmittelbar nach der Katastrophe zwar einmal kurz da, um die wichtigsten Habseligkeiten zu holen - mussten dann aber wieder weg, denn es galt ein Betretungsverbot. Ein Erdrutsch hatte einige Gebäude mitgerissen. Auch jetzt ist ein Radius von 100 Metern um die Abbruchkante aus Sicherheitsgründen noch immer Sperrgebiet.

Für den Rest des Ortes ist das Betretungsverbot seit Donnerstagmorgen aufgehoben. Zum ersten Mal sehen die Bewohner ihr Zuhause wieder, nachdem das Wasser abgeflossen ist und Schlamm zurückgelassen hat. Entlang der Straßen, die schon frei geräumt sind, türmt sich kaputtes Mobiliar.

Unzählige Helfer packen mit an und räumen das, was nicht mehr zu retten ist, aus den Häusern - auch bei Britta Simonis. «Ganz viele Freunde sind hier, um zu helfen - das ist wirklich toll», sagt sie. Das meiste, was im Keller, in der Garage oder im Gästehäuschen stand, ist nicht mehr zu gebrauchen: Motorrad, Roller, Fitnessgeräte. Ein Freund drückt ihr ein nagelneues Smartphone in die Hand: «Hier, für dich. Nimm es einfach.»

Kein Strom und kein Wasser

Bei Susanne Dunkel machen Helfer sich unterdessen an der schlammverkrusteten Wohnzimmergarnitur zu schaffen. «Haben Sie mal ein großes Messer?», fragt eine Frau in Arbeitsklamotten. «Das Sofa hat sich verkantet, wir kriegen es nicht raus.» Dunkel zieht schwungvoll eine Küchenschublade auf - und zuckt zurück: Bräunliches Wasser schwappt ihr entgegen. Das Obergeschoss mit den Schlafzimmern ist immerhin heil geblieben. Aber Übernachten will die Seniorin dort vorerst noch nicht: «Es gibt ja keinen Strom und kein Wasser.»

Bis das wieder läuft, werde es noch Tage oder auch Wochen dauern, sagt der Landrat des Rhein-Erft-Kreises, Frank Rock. So schnell wie möglich sollten große Transformatoren aufgestellt werden, um die Bewohner mit Strom zu versorgen. Polizei und Feuerwehr hielten rund um die Uhr die Stellung, versichert Rock. Es gebe mobile Sirenen, um die Bevölkerung im Falle einer Erdbewegung oder sonstigen Gefahr zu warnen.

Susanne Dunkels Blick fällt wieder auf ihren Eichenschrank, wandert von den Fotos der Enkel im oberen hinunter zum unteren Teil: Der ist völlig aufgequollen und geborsten. «Dass nicht mal die Eiche das aushält - das hätte ich niemals gedacht.»


Bildnachweis: © Marius Becker/dpa
Copyright 2021, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Alkoholisierter Jugendlicher verursacht Unfallserie
Polizeimeldung

Am Samstagnachmittag, 12.11.2022

weiterlesen...
Kollision zweier Güterzüge - Wichtige Bahnstrecke gesperrt
Aus aller Welt

Ein Güterzug fährt auf einen stehenden Zug auf, explosives Propangas tritt aus: Menschen im Raum Gifhorn müssen laut Feuerwehr keine Gefahr fürchten. Aber der Unfall trifft den Bahnverkehr hart.

weiterlesen...
Das Aus der letzten Telefonzellen steht bevor
Aus aller Welt

Das Handy macht die früher wichtige Telefonzelle überflüssig. Bald ist der öffentliche Münzfernsprecher endgültig Geschichte in Deutschland. Zeit für Erinnerungen - und zum Abschiednehmen.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Eindringliche Appelle beim Weltnaturgipfel in Kanada
Aus aller Welt

30 Prozent der Land- und Meeresflächen sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden. Das Ziel ist ambitioniert - UN-Chef Guterres warnt, die Menschheit werde zur «Massenvernichtungswaffe».

weiterlesen...
Bisher unbekannte Haiart vor Australien entdeckt
Aus aller Welt

So einen Hornhai haben die Forscher noch nicht gesehen: Für gewöhnlich hält sich die Art in flachen Gewässern auf. Doch dieses unbekannte gestreifte Exemplar lebt in den Tiefen des Ozeans.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Eindringliche Appelle beim Weltnaturgipfel in Kanada
Aus aller Welt

30 Prozent der Land- und Meeresflächen sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden. Das Ziel ist ambitioniert - UN-Chef Guterres warnt, die Menschheit werde zur «Massenvernichtungswaffe».

weiterlesen...
Bisher unbekannte Haiart vor Australien entdeckt
Aus aller Welt

So einen Hornhai haben die Forscher noch nicht gesehen: Für gewöhnlich hält sich die Art in flachen Gewässern auf. Doch dieses unbekannte gestreifte Exemplar lebt in den Tiefen des Ozeans.

weiterlesen...
ANZEIGE – Premiumpartner