22. Mai 2022 / Aus aller Welt

Ein Jahr Gondelunglück in Italien - Untersuchungen laufen

Am Pfingstsonntag 2021 stürzt eine Gondel in Norditalien ab und reißt 14 Menschen in den Tod. Nur ein Junge überlebt und wird zum Mittelpunkt einer wirren Entführungsgeschichte. Die Justizsaga ist längst nicht zu Ende.

Die verbarrikadierte Gittertür zur Seilbahn Stresa-Mottarone, von der am 23. Mai 2021 eine Gondel abstürzte.
Veröffentlicht am 22. Mai 2022 um 19:33 Uhr von Johannes Neudecker, dpa

Ein junges Pärchen steht vor einer verbarrikadierten Gittertür am Lago Maggiore in Norditalien. Über dem Zugang heißt es in großen Buchstaben auf Italienisch: Seilbahn Stresa-Mottarone.

«Ist da zu?», fragen sich die beiden. Ein Jahr nach dem Gondelabsturz mit 14 Todesopfern am Westufer des Sees ist die Anlage, die von Stresa hinauf auf den Monte Mottarone führt, immer noch wegen der laufenden Untersuchungen zum Pfingstsonntagsunglück beschlagnahmt.

Am 23. Mai 2021 passierte kurz vor Mittag der Unfall: 15 Menschen befinden sich in der Kabine Nummer drei, die davor ist, in die Bergstation einzufahren. Plötzlich reißt das Zugseil, die Gondel rauscht talwärts. Auf Bildern einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie die Kabine an der nächsten Seilbahnstütze aus der Verankerung springt und abstürzt. Sie zerschellt an einem steilen Hang zwischen den Bäumen.

Gutachten Ende Juni erwartet

Für die Insassen gab es kein Entkommen. Nur der kleine Eitan aus Israel überlebte schwer verletzt - seine Eltern, sein Bruder und die Urgroßeltern sowie die übrigen Passagiere nicht. Das Unglück wäre verhindert worden, hätten die für solche Fälle vorgesehenen Notbremsen an einem zweiten Seil, dem Tragseil, gegriffen. Diese waren allerdings durch eine Gabelvorrichtung blockiert, weil sie zuvor für Störungen im Betrieb gesorgt haben sollen.

Die Justiz ermittelt gegen zwölf Menschen, wie die Staatsanwältin Olimpia Bossi sagt. Monatelang lag das Wrack noch am Hang - es wurde erst im November abtransportiert. Das Gutachten der Experten wird für den 30. Juni erwartet. Erst danach ist laut Bossi klar, wie es weitergeht. Der «Corriere della Sera» berichtete am 16. Mai unter Berufung auf einen Informanten, dass vermutet werde, das gerissene Zugseil sei von innen gerostet.

«Wir werden den Grund für den Absturz sowieso nie erfahren», sagt ein älterer Herr in einem Café am Bahnhof in Stresa. «Wir sind hier eben in Italien», ergänzte er mit einem Schulterzucken. Jetzt werde wieder zehn Jahre lang ein Prozess geführt, und am Ende würden alle freigesprochen, vermutet sein Tischnachbar.

«Die Tragödie der Seilbahn war ein großes Trauma für die Bürger», sagt Stresas Bürgermeisterin Marcella Severino. Hotels und Restaurants auf dem Berg beschweren sich, weil keine Touristen mit der Gondel hochfahren können. Das erzählt auch ein Barista, der im Café neben der Seilbahn gerade Kaffee aus dem Siebträger ausklopft. Die Gäste müssten das Auto nehmen, um den Gipfel zu erreichen.

Sorgerechtsstreit um Jungen, der überlebte

Der kleine Eitan kam nach der Katastrophe zu seiner Tante väterlicherseits, die in Pavia in der Lombardei wohnt. Um das Kind entbrannte ein Sorgerechtsstreit mit der Verwandtschaft in Israel. Er gipfelte darin, dass der Großvater mütterlicherseits den Jungen am 11. September für einen vereinbarten Besuch abholte, dann aber mit einem Komplizen über die Schweiz nach Israel ausflog.

Dort stritten sich die Parteien durch sämtliche Instanzen. Nachdem das Höchste Gericht in Jerusalem im November entschied, der Junge müsse zurück nach Italien gebracht werden, hielt sich die Familie von Eitans Großvater in den Medien sehr zurück. In Israel ist es in den vergangenen Monaten ruhig geworden um den Fall Eitan. Im Januar berichtete das israelische Fernsehen über Bemühungen der Anwälte, eine aus Italien beantragte Auslieferung des Großvaters zu verhindern.

Eitan wurde laut Medien in Israel geboren, zog aber kurz nach der Geburt mit den Eltern nach Italien. Seine Tante Aya Biran-Nirko sagte, Pavia sei die Heimat des Jungen, der im September hätte eingeschult werden sollen. Auch das Gericht in Jerusalem fand: «Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Lebensschwerpunkt des Minderjährigen vor seiner Entführung nach Israel in Italien war.»

Vor dem Jugendgericht

Ausgestanden war die Sache damit aber immer noch nicht. In Italien geht der Rechtsstreit um das Sorgerecht vor dem Jugendgericht weiter, das eine dritte Person als Vormund für Eitan einsetzte.

Was indes aus der Seilbahn passiert, ist unklar. Anfang Mai trafen sich dazu Politiker und Sachverständige, wie Bürgermeisterin Marcella Severino erklärt. Es wird eine sichere und «innovative» Anlage binnen kurzer Zeit gefordert. Severino sprach sich dafür aus, darüber nachzudenken, die Planung einem Star-Architekten zu übergeben.


Bildnachweis: © Johannes Neudecker/dpa
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