Hochwasser und Dürren werden in Deutschland nach Forscherangaben weiter zunehmen. «Viele Studien, auch eigene, zeigen, dass mit steigenden globalen Temperaturen auch die Anzahl und Intensität von Extremen wie Hochwasser in Deutschland ansteigen», sagt Fred Hattermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Arbeitsgruppe Hydroklimatische Risiken. Dabei könnte die Realität die Modelle noch übertreffen. «Wir unterschätzen die Extreme noch, glaube ich, weil Klimamodelle nicht für solche Ereignisse angelegt sind, sondern vor allem zur Untersuchung von Klimasystemen und Änderungen im Klima.» Eine Ursache für das aktuelle Hochwasser seien wahrscheinlich die für die Jahreszeit hohen Oberflächentemperaturen des westlichen Atlantiks, die zu hoher Verdunstung und damit auch viel Wasserdampf in der Atmosphäre führen, erläutert Hattermann. Durch die in unseren Breiten vorherrschenden Westwinde seien diese feuchten Luftmassen nach Europa transportiert worden, wo es in Folge einer schnell über Mitteleuropa ziehenden Kette von Tiefdruckgebieten im Herbst und Winter zu sehr ergiebigen Niederschlägen gekommen sei und dann auch zu Hochwasser. «Die Böden wurden mit Wasser gesättigt und nehmen dann kaum noch Wasser auf.» Das führe zu Hochwasser. Das langjährige Mittel der Niederschläge in Deutschland habe sich kaum geändert. «Für Deutschland gibt es da keine starken Trends, aber die Variabilität der Niederschläge steigt», sagt Hattermann. Kurz: Es gibt stärkere Regen, aber auch längere trockene Zeiten. Das hat laut Hattermann zwei Gründe. Erstens erwärme sich durch den Klimawandel die Luft, die dann mehr Wasser aufnehmen könne. «Die Wassermenge pro Kubikmeter Luft ist gestiegen.» Das bedeutet zunächst längere Trockenphasen - und wenn es mal regnet, dann fällt mehr Wasser auf die Erde. Zweitens: «Wir haben stabilere Großwetterlagen über Europa.» Das hänge mit dem Einfluss des Klimawandels auf den Jetstream zusammen, einer welligen Luftströmung in einigen Kilometern über der Erdoberfläche, wobei die einzelnen Zusammenhänge noch nicht exakt geklärt seien. Eine solche Situation habe zum Beispiel zu den lang andauernden Hochdruckwetterlagen wie 2018 oder aber auch im Frühjahr 2023 geführt. «Ein Hochdruckgebiet dreht sich dabei im Uhrzeigersinn und bringt trockene Luft vom eurasischen Raum nach Deutschland», sagt Hattermann. Das führe zu wenig Niederschlag und Dürre. «2021 hatten wir ein Tiefdruckgebiet, wo sich der Wind gegen den Uhrzeigersinn drehte und feuchte Luft aus dem Mittelmeerraum nach Deutschland brachte.» Das habe 2021 zu den Wassermassen im Ahrtal geführt. Beim aktuellen Hochwasser in Deutschland spielt laut Hattermann auch eine länger anhaltende Wetterlage eine Rolle, in der der Jetstream über Mitteleuropa und Deutschland lag. «Mit dem Jetstream wurden wie auf einem Fließband die Tiefdruckgebiete zu uns transportiert.» Der genaue Anteil des Klimawandels sei bei einem einzelnen Ereignis schwer zu benennen. Doch durch die höheren Temperaturen und die stärkere Verdunstung insbesondere über den Ozeanen, die auch durch die höheren Meeresoberflächentemperaturen getrieben werde, seien solche Extreme deutlich wahrscheinlicher. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes ist es hierzulande insbesondere im Winter signifikant feuchter geworden. «Wir wissen schon lange, dass der Klimawandel zu mehr und stärkeren Niederschlägen in den Wintermonaten führt, mit denen dann auch immer wieder Hochwasser verbunden sein können», sagt auch die Direktorin des Climate Service Center Germany (Gerics), Daniela Jacob, im Gespräch mit dem Digital-Medienhaus Table.Media. «Das Ausmaß des aktuellen Hochwassers ist allerdings schon sehr ungewöhnlich.» Das zeige deutlich, wie wichtig eine schnelle und umfassende Umsetzung von Schutzstrategien sei. Was tun? «Das große Thema ist natürlich die Vermeidung der weiteren Erwärmung», sagt Hattermann. Nötig sei aber auch, die Infrastruktur anzupassen und Flüssen mehr Raum zu geben sowie die klimaangepasste Gestaltung der Landschaft, etwa der Umbau von Nadel- zu Laubwäldern. Laubwald nehme im Winter mehr Wasser auf, weil der Schnee nicht wie auf Nadelbäumen liegen bleibe und von dort verdunste. Auch jeder Einzelne solle sich des steigenden Risikos bewusst sein: «Es gibt keinen totalen Schutz vor Hochwasser», betont Hattermann. So sollte jeder Fluchtwege kennen und beispielsweise keine Wertsachen im Keller lagern. «Wir müssen mehr Bewusstsein für die Gefahr und zeitgleich das Wissen schaffen, dass man sich nicht vor allem schützen kann.»Gleichviel Wasser - aber anders verteilt
Aktuelles Ausmaß «sehr ungewöhnlich»
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