23. August 2021 / Aus aller Welt

Kein Baby-Boom nach erstem Corona-Jahr

Ein Baby - oder angesichts der Unwägbarkeiten doch lieber nicht? In der Corona-Pandemie dürfte eine solche Entscheidung nicht immer leicht sein.

Die Anzahl der Geburten in Deutschland ist von Januar bis Mai 2021 nur leicht angewachsen.
Veröffentlicht am 23. August 2021 um 18:09 Uhr von Oliver Pietschmann, dpa

Der Anstieg der Geburten im März ließ aufhorchen. Weniger Freizeitmöglichkeiten, dafür mehr Zeit für traute Zweisamkeit in den heimischen vier Wänden während der Corona-Pandemie?

Nachdem die Statistiker also im März ein Plus von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr registrierten und dies auch mit dem Abflauen der ersten Corona-Welle in einen zeitlichen Zusammenhang stellten, konnte man über einen möglichen Baby-Boom spekulieren.

Nur leichter Anstieg

Die jüngsten Zahlen sprechen aber eine andere Sprache. Nach dem ersten Corona-Jahr ist die Anzahl der Geburten in Deutschland von Januar bis Mai 2021 nur leicht angewachsen. Mit rund 315.000 Babys stieg die Zahl der neugeborenen Mädchen und Jungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,4 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mit. Einen deutlichen Anstieg habe es nur in besagtem März gegeben - mit rund 3700 Babys mehr als im Vorjahresmonat. In den übrigen von der Pandemie geprägten Monaten sei die Entwicklung unauffällig gewesen.

Die Geburten der ersten fünf Monate dieses Jahres gingen auf Schwangerschaften zurück, die während des ersten Corona-Lockdowns von Ende März bis Anfang Mai sowie in den Sommermonaten begannen - da waren die Beschränkungen von Kontakten weitgehend aufgehoben. Insgesamt kamen in dem Zeitraum gut 154.000 Mädchen und knapp 162.000 Jungen lebend zur Welt

«Die Corona-Maßnahmen und deren Lockerung in der ersten Jahreshälfte 2020 haben sich offenbar nicht unmittelbar auf die Familienplanung ausgewirkt», sagte die Demografie-Expertin im Statistischen Bundesamt, Olga Pötzsch. «Während des ersten Lockdowns und auch in den Sommermonaten wurden weder deutlich mehr noch deutlich weniger Kinder gezeugt als im Jahr 2019.» Man habe von Januar bis Mai 2021 insgesamt keine auffallende Veränderung feststellen können - mit Ausnahme des März.

«Cocooning-Effekt»

«Es ist grundsätzlich für alle Demografen ungewiss, in welche Richtung das geht», sagte der stellvertretende Institutsdirektor beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Martin Bujard, der Deutschen Presse-Agentur. Der nur leichte Anstieg über fünf Monate heiße nicht, dass Corona keine Effekte hat.

Bujard sieht bei der Frage nach einem Kinderwunsch zwei Mechanismen. Einerseits gehe es um mögliche wirtschaftliche Ängste in der Pandemie. Andererseits gebe es einen «Cocooning-Effekt» - in der Pandemie steige die Bedeutung von Familie und der Wunsch nach Kindern. Es könne sein, dass sich derzeit diese beiden Mechanismen aufheben. «Der zweite Lockdown war viel stärker», Existenzängste könnten hier wesentlich häufiger gewesen sein, so der Experte. «Es kann sein, dass wir zum Jahresende sinkende Zahlen haben.»

Erstmal sind Bujard zufolge die Zahlen des Statistischen Bundesamtes eben nur nackte Zahlen. Gesellschaftliche Gruppen seien unterschiedlich betroffen. «Das sagt ja erstmal noch nichts darüber aus, welche Menschen Kinder bekommen haben.»

Normale Schwankungen

«Veränderungen der Geburtenraten um wenige Prozent von Jahr zu Jahr sind absolut im Bereich der üblichen Schwankungen», sagte der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian Albring. Es lasse sich daraus nach jetzigem Stand der Dinge kein Zusammenhang mit der Pandemie und den Lockdown-Phasen ableiten.

Das sei im Übrigen auch schon an der weitgehend unveränderten Zahl der Schwangeren in der Mutterschaftsvorsorge im Jahr 2020 abzusehen gewesen. Wie Bujard sieht auch Albring zwei Entscheidungsfaktoren bei der Familienplanung. «Manche Paare haben sicherlich wegen der vermehrten Zeit in der Familie ihren Kinderwunsch vorgezogen - andere dagegen bewusst nicht, da sie wirtschaftliche Probleme befürchten mussten.»


Bildnachweis: © Fabian Strauch/dpa
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