3. Oktober 2021 / Aus aller Welt

Mordfall Sarah Everard: Weitere Details bekannt

Im Fall der von einem Polizisten ermordeten Londonerin Sarah Everard kommen neue Details ans Licht. Die Kritik an der Polizei lässt nicht nach.

Der Unterhaussprecher Sir Lindsay Hoyle ist empört.

Auch Tage nach dem Urteilspruch gegen den Mörder der Londonerin Sarah Everard wächst die Kritik an der Polizei in der britischen Hauptstadt.

Premierminister Boris Johnson klagte über einen zu laxen Umgang mit Gewalt gegen Frauen bei Polizei und Justiz. Parlamentspräsident Lindsay Hoyle zeigte sich besorgt über die Sicherheit auf dem Parlamentsgelände, nachdem bekannt wurde, dass der Täter, selbst ein Polizist, mehrmals mit einer Schusswaffe zum Schutz des Parlaments eingesetzt wurde.

Mörder mehrfach aufgefallen

Der Täter wurde kürzlich zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hatte die 33-jährige Everard im März unter falschen Behauptungen in London festgenommen, entführt, vergewaltigt und ermordet. Der Fall löste eine Vertrauenskrise in die britische Polizei und eine Welle der Empörung über Gewalt gegen Frauen in dem Land aus. Für Entrüstung sorgte unter anderem, dass die Polizei den Mann jahrelang in den eigenen Reihen geduldet hatte, obwohl er mehrmals wegen Exhibitionismus und unangemessenen Verhaltens gegenüber Frauen auffällig geworden war.

Wegen des Einsatzes auf dem Parlamentsgelände verlangte der Unterhaussprecher Hoyle eine Erklärung von Scotland Yard. «Ich habe die Met (Metropolitan Police, Anm. d. Red.) um ein dringendes Gespräch gebeten, um zu diskutieren, wie diese Person als geeignet befunden werden konnte, um hier Dienst zu tun», sagte Hoyle der Londoner «Times». Das britische Parlamentsgelände gilt als einer der bestbewachten Orte des Vereinigten Königreichs. Um eine Zugangsberechtigung zu erhalten, muss man sich einer eingehenden Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden nach einem Anschlag im Jahr 2017 sogar nochmals verschärft.

Kritik von Johnson

Premierminister Boris Johnson kritisierte die Polizei für ihren allgemeinen Umgang mit Gewalt gegen Frauen. «Nimmt die Polizei diese Probleme ernst genug? Es ist unerträglich. Ich denke, die Menschen haben das Gefühl, dass sie das nicht tut, und sie haben nicht Unrecht», so Johnson in einem Interview mit der Zeitung «Times» am Samstag. Trotzdem könne der Polizei aber grundsätzlich vertraut werden, so der konservative Politiker weiter.

Kritiker sehen in dem Verbrechen nicht nur einen extremen Einzelfall, sondern die Folge einer frauenfeindlichen Kultur innerhalb der Polizei selbst. So berichten Insider, dass Kollegen, die sich Übergriffe zuschulden kommen lassen, gedeckt werden. Vorgeworfen wird der Polizei zudem, sie nehme Anzeigen von Frauen über sexuelle Übergriffe oft nicht ernst.

Eine unabhängige Untersuchung zu dem Everard-Mörder lehnte Johnson ab. Stattdessen müsse der gesamte Umgang mit Vergewaltigungen, häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt und Beschwerden von Frauen über Belästigung systematisch untersucht werden, so der Premier am Sonntag im BBC-Fernsehen. Ermittlungen endeten zu häufig ohne Verurteilung, weil die Staatsanwaltschaft nicht eng genug mit der Polizei zusammenarbeite, so Johnson weiter.

Umstrittene Tipps der Polizei

Rücktrittsforderungen an Scotland-Yard-Chefin Cressida Dick hatte Johnson zuvor zurückgewiesen. Schelte gab es dafür für einen hochrangigen Polizeibeamten aus der Grafschaft North Yorkshire für die Äußerung, Everard hätte sich der falschen Festnahme widersetzen sollen. Er entschuldigte sich später dafür. Der Generalsekretär der Konservativen Partei, Oliver Dowden, bezeichnete die Bemerkung am Sonntag als «dumm». Er und der Premier seien entrüstet darüber gewesen, so Dowden weiter.

Tipps von Scotland Yard, sich beispielsweise Hilfe von Passanten zu holen oder den Notruf zu wählen, wenn man von einem einzelnen Zivilpolizisten angesprochen wird und Zweifel an dessen Echtheit hat, verteidigte Johnson hingegen. Wem das Verhalten eines Polizisten verdächtig vorkomme, der solle in der vorgeschlagenen Weise Hilfe suchen, so Johnson in der BBC. Die Tipps, beispielsweise Passanten oder einen Bus zu stoppen, und um Hilfe zu bitten, oder den Notruf zu wählen, waren zuvor als «absurd» und «unmöglich» kritisiert worden. Die Polizei in Schottland teilte unterdessen mit, sie habe ihre Richtlinien für einzelne Polizisten in Zivil überarbeitet. Diese sollten nun von sich aus eine Überprüfung ihrer Identität über ihr Funkgerät anbieten.


Bildnachweis: © Uk Parliament/Jessica Taylor/PA Media/dpa
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