17. November 2021 / Aus aller Welt

Wer ist wann dran? Debatte über Booster-Impfung

Die sogenannte Auffrischungsimpfung gilt als wichtiger Baustein im Kampf gegen die sich wieder verschärfende Corona-Krise. Dabei gibt es aber viel Verunsicherung. Wer ist wann dran?

Verschiedene Mediziner sprechen sich für konsequente Booster-Impfungen aus.
Veröffentlicht am 17. November 2021 um 19:12 Uhr von dpa

In der Debatte über sogenannte Booster-Impfungen hat die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) «eine nationale Kraftanstrengung» gefordert.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus Israel zeigten, dass man mit «Booster»-Impfungen die Welle brechen könne, sagte sie am Mittwoch.

Unklar bleibt für die meisten Menschen momentan, wer sich wann eine solche Impfung abholen kann. Das Land Berlin forderte vom geschäftsführenden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) klare rechtliche Regeln, um allen Menschen ab 18 Jahren eine Auffrischungsimpfung gegen Corona zu ermöglichen.

Politik und Experten fordern Booster für alle

Bisher empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) Auffrischungsimpfungen überwiegend für Menschen ab 70, für Menschen mit Immunschwäche, Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie Personal in medizinischen Einrichtungen und Pflegepersonal. Die Politik und etliche andere Fachleute dringen angesichts stark gestiegener Infektionszahlen indes auf Booster-Impfungen für alle ab 18.

Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens stellte am Dienstagabend in der ZDF-Sendung «Markus Lanz» eine entsprechende baldige Ausweitung der Empfehlung in Aussicht. Diskutiert wird darüber hinaus aber auch, ab wann eine Auffrischungsimpfung sinnvoll ist und wie ein Ansturm Impfwilliger am besten bewältigt werden kann.

Sechs Monate eine «zeitliche Richtschnur»

Spahn und der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sprachen sich in einem Brief an alle Vertragsärzte in Deutschland, dafür aus, die Auffrischungsimpfung zu ermöglichen, auch wenn die letzte Impfung, wie bisher empfohlen, noch nicht sechs Monate her ist. Es handele sich dabei um eine «zeitliche Richtschnur».

Die Ärzte werden in dem Schreiben gebeten, «zur Vereinfachung der Abläufe», flexibel vorzugehen. «Sie können daher jede Patientin und jeden Patienten ab 18 Jahren (...) zeitnah und auch vor Ablauf der sechs Monate im eigenen Ermessen impfen.» Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums erläuterte, Ziel des Schreibens sei es, dass Patientinnen und Patienten, die etwas früher zum Impfarzt gehen, nicht - wie zuletzt zu häufig geschehen - abgewiesen würden.

Länder fordern bundeseinheitliche Regelung

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) twitterte am Mittwoch in Reaktion auf den Brief: «Ein loses Schreiben ist KEINE einheitliche klare Regelung!» Spahn müsse bundeseinheitlich in der Impfverordnung eine Boosterimpfung nach fünf Monaten verankern. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) forderte eine bundesweit einheitliche Regelung bei dem Thema.

In den Ländern werden derweil schon eigene Regelungen getroffen: So können sich in Berlin Menschen künftig schon fünf statt wie bisher sechs Monate nach ihrer letzten Corona-Impfung erneut impfen lassen. Dazu sei eine Landesregelung für die sogenannte Booster-Impfung getroffen worden, hieß es am Mittwoch aus der Gesundheitsverwaltung, nachdem der «Tagesspiegel» darüber berichtet hatte.

Auch Bayern meldete, dass Auffrischungsimpfungen im Freistaat fünf Monate nach dem Abschluss der ersten Impfserie erfolgen sollen. Das Gesundheitsministerium in München hatte die Impfzentren in Bayern bereits am Montagabend schriftlich aufgefordert, allen Interessierten schon nach fünf Monaten eine Booster-Impfung zu verabreichen. Das Ministerium betonte in dem Schreiben, Zurückweisungen sollten «möglichst nicht erfolgen».

Lauterbach für Priorisierung

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte die Stiko zu einer Priorisierung auf: «Wenn wir ohne Einschränkungen den Booster für alle öffnen, legen wir die Priorisierung in die Hände der Praxen. Bei 30.000 Arztpraxen bedeutet das 30.000 unterschiedliche Priorisierungen», sagte Lauterbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Die Stiko sollte klar festlegen, welche Gruppe als nächstes dran ist.» Er sprach sich dafür aus, die über 70- und 60-Jährigen zu priorisieren, dann auch die über 50-Jährigen.

Derweil schlägt der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, vor, das Impf-Tempo durch Corona-Impfungen in Apotheken zu erhöhen. «Wir sind in einer Notlage, und in einer Notlage muss man bestimmte Dinge großzügig gestalten», sagte Wieler am Mittwochabend bei einer Online-Diskussionsveranstaltung mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU). Deshalb sei er ganz klar dafür, dass unter anderem Apotheker impfen sollten.

Die Booster-Impfungen seien umfänglich. «Je schneller geimpft wird, desto besser.» Es brauche jedes niedrigschwellige Angebot. «Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.»

Auffrischung «lebensrettend» für ältere Menschen

Verschiedene Mediziner sprachen sich am Mittwoch bei einem Expertenbriefing des Science Media Centers Germany zur Lage auf den Intensivstationen, für konsequente Booster-Impfungen aus. «Gerade bei älteren, bei immun geschwächten Patienten ist diese Auffrischimpfung lebensrettend», sagte Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf.

Nach Ansicht eines Berliner Corona-Modellierers könnten solche Impfungen auf breiter Front den Trend der stark steigenden Corona-Zahlen umkehren. «Wir sehen in den Simulationen deutlich infektionsreduzierende Effekte, sobald circa 30 Prozent der Bevölkerung den Booster erhalten haben», sagte Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Wenn wir diese 30 Prozent deutlich vor Weihnachten schaffen, dann bestehen Aussichten auf sinkende Inzidenzen zu Weihnachten.» Bislang haben in Deutschland rund fünf Prozent der Menschen eine Auffrischungsimpfung erhalten.


Bildnachweis: © Bernd Weißbrod/dpa
Copyright 2021, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Sonnenfinsternis - Wo könnte es noch Schutzbrillen geben?
Aus aller Welt

Am Mittwoch sollen bis zu 90 Prozent der Sonne verschwinden. Wer das Schauspiel beobachten will, braucht speziellen Augenschutz. Doch wo könnte es jetzt noch die passende «SoFi-Brille» geben?

weiterlesen...
Goldener Kamm in Gütersloh
Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld

Am 11. Oktober treten die besten Nachwuchsfriseure aus Nordwestdeutschland in der Stadthalle Gütersloh gegeneinander...

weiterlesen...
Die besten Sonnenfinsternis-Fotos gibt´s bei uns
Gartenschaupark Rietberg

Extra-Aktion am Mittwoch, 12. August, ab 18 Uhr im Parkteil Neuenkirchen Rietberg. An diesem Mittwoch, 12. August, ist...

weiterlesen...

Neueste Artikel

An Kälte gewöhnte Arten verschwinden von Europas Berggipfeln
Aus aller Welt

Steigende Temperaturen seit den 1980er Jahren führen dazu, dass die Pflanzenwelt in europäischen Gebirgen artenreicher wird. Allerdings gibt es auch Verlierer, wie Wissenschaftler nachgewiesen haben.

weiterlesen...
Marius Borg Høiby: Der tief gefallene Sohn der neuen Königin
Aus aller Welt

Wenn der norwegische König Harald V. an diesem Mittwoch beigesetzt wird, soll auch Marius Borg Høiby dabei sein. Trotz aller Verfehlungen und einer Verurteilung wegen Vergewaltigung.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

An Kälte gewöhnte Arten verschwinden von Europas Berggipfeln
Aus aller Welt

Steigende Temperaturen seit den 1980er Jahren führen dazu, dass die Pflanzenwelt in europäischen Gebirgen artenreicher wird. Allerdings gibt es auch Verlierer, wie Wissenschaftler nachgewiesen haben.

weiterlesen...
Marius Borg Høiby: Der tief gefallene Sohn der neuen Königin
Aus aller Welt

Wenn der norwegische König Harald V. an diesem Mittwoch beigesetzt wird, soll auch Marius Borg Høiby dabei sein. Trotz aller Verfehlungen und einer Verurteilung wegen Vergewaltigung.

weiterlesen...
ANZEIGE – Premiumpartner