Sonntag, 23.08.2020 / 16:00

Sonntag am See mit Jenobi und Staring Girl

Konzert

Jenobi „Patterns“

Zunächst die Fakten: Vor zehn Jahren nahm die junge schwedische Bassistin Jenny Apelmo einen Nachtzug von Göteborg nach Berlin. Sie wollte vielleicht zehn Monate in Deutschland bleiben, doch dann kam ihr die Hamburger Band Torpus & The Art Directors dazwischen, für die sie die folgenden zehn Jahre den (Kontra-)Bass bedienen sollte. Daneben hat Jenny stets auch eigene Musik gemacht; zunächst vollkommen solo unter dem Namen Felicia Försvann, hier erschien 2016 die wunderhübsche, sehr intensiv in ihrem Homestudio aufgenommene EP „Pretty confused, walking home with no shoes“.

Jenny Apelmo schrieb auch weiterhin Songs, sie entwickelten sich immer stärker in eine andere Richtung: wütender und bockiger, selbstsicherer und –angelehnt an die vielen spannenden Vorlagen der Indierock-Künstler*innen aus Skandinavien –introspektiver. Mit diesen Songs wurde Apelmo erwachsener und reifer; sie entdeckte andere Frauen des Singer-/Songwriter-Genres für sich –allen voran Lykke Li und Feist –, sie griff immer häufiger zur E-statt zur akustischen Gitarre, und sie fand immer mehr Mut, Songs zu formulieren, die tief aus ihrer Wut über das Unverstandene sprechen. Bei alldem empfand sie, dass die Zeit für Felicia Försvann abgelaufen war –„es hat sowieso immer zu Verwirrung geführt, weil die Leute dachten, ich heiße so“, lacht sie. Und so hob sie Jenobi aus der Taufe: Auch dies zunächst ein reines Soloprojekt, zu dem aber schon bald der Torpus-Drummer Felix Roll und die Live-Gitarristin Dorothee Möller hinzustießen. „Ich bin ja Feministin“, sagt sie, „und es war daher immer mein Wunsch, dass ich als Frau Musik und Kunst schaffen kann, ohne andere um Hilfe bitten zu müssen. Doch als Felix dazu kam, war das ein völlig organischer Prozess, wir kennen uns bereits so gut durch all die gemeinsamen Jahre bei Torpus, dass es sich einfach richtig anfühlte.“

Rund drei Jahre arbeitete Jenny an dieser Musik, für die letzten sechs Monate kam Felix zu den Songs, die sich nun auf Jenobis Debüt-Album „Patterns“ finden. Manche Songs gingen schnell, andere durchliefen viele verschiedene Inkarnationen und wurden immer wieder neu angedacht. Sie alle verbindet eine in Jennys Musik neue Dunkelheit, sowie die Kunst, jedem einzelnen Klang einen Wert zu verleihen und an die perfekt passende Stelle zu setzen. Als Co-Produzent wirkte wiederum Sönke Torpus mit, in dessen neu errichtetem Studio „the bubble“ dieses Album entstand.

Vertrauen, Einflüsse: All das findet sich auch in den Texten der Platte wieder, die nicht umsonst den Titel „Patterns“ trägt. Denn, so Jenny: „In jedem von uns gibt es gewisse Patterns, also Muster, die bestimmend sind für das weitere Leben: Weil sich deine Eltern so und so verhalten haben, weil deine Kindheit dich in bestimmter Weise geprägt hat, hast du für dich gelernt, immer wiederähnlich auf vergleichbare Situationen zu reagieren.“ Diesen Mustern geht Jenny Apelmo auf dieser Platte auf den Grund, durchaus in sehr persönlicher Form. Eine Form, die sich indes dank der prägnanten Texte wiederum übertragen lässt auf jede*n von uns.

Mit der Keyboarderin Lorena Clasen ist Jenobi live mittlerweile zu einem Quartett angewachsen; ein Quartett, das es auch braucht, um die vielschichtigen und doch jederzeit sehr gekonnt reduzierten Arrangements auch im Konzert optimal widerzugeben. Doch vorden Konzerten steht –schon aufgrund der aktuellen Pandemie-Problematik –erst einmal dieses wunderbare, berührende Album, das es uns erlaubt, Jenny Apelmo und ihren Gedanken zu den Mustern und Prägungen des Lebens sehr nahe zu kommen -es sollte sich nurausreichend Zeit genommen werden. Weshalb Jenny für einen Erstkontakt mit „Patterns“ beispielsweise ein gutes Glas Rotwein im „Eldorado“ empfiehlt, der Lieblingsbar vieler Hamburger Musiker*innen (und zugleich auch der Entstehungsort vieler ihrer Texte). Dann werden diese Songs schon von ganz alleine zu sprechen anfangen –da ist sie sich sicher. Und sie dürfte Recht behalten.

Staring Girl

Es gibt diese Bands. Einerseits versteht man nicht, warum sie es bislang nicht auf die ganz großen Bühnen geschafft haben, andererseits möchte man das gar nicht. Man möchte dieses Kleinod an Außergewöhnlichkeit ganz für sich alleine haben. Staring Girl ist so eine Band. Obwohl sie bereits vor einigen Jahren fast schon gewaltvoll in die erste Reihe gezerrt wurde –als Gisbert zu Knyphausen einen Song von ihr in der Show TV Noir coverte –, weigert sie sich nach wie vor beharrlich, den ihr zugewiesenen Platz einzunehmen. 2018 erschien mit „In einem Bild“ das zweite Album von Staring Girl. Sechs Jahre und mehrere Bandumbesetzungen nach dem Debüt-Album „Sieben Stunden und vierzig Minuten“. Umso erstaunlicher, dass sie gleich 2019 eine EP mit Band-Klassikern in neuen Versionen nachlegten. Eine EP, die große Emotionen thematisiert, ohne sie anzusprechen. Gleichzeitig gelingt ihnen der Spagat zwischen Retrospektive und Ausblick. Jenseits von musikalischen Trends haben sich Staring Girl über die Jahre unbeirrt weiterentwickelt und mittlerweile einen vollendeten Band-Sound gefunden, der hierzulande einzigartig ist. Mit Frenzy Suhr (Bass), Jens Fricke (Gitarre), Gunnar Ennen (Gitarre/Tasten) und Neuzugang Lennart Wohlt (Schlagzeug) scheint der Sänger/Songwriter/Texter Steffen Nibbe die gesuchte Staring Girl-Besetzung gefunden zu haben. Ein neues Album ist bereits in Planung.

Bei den Konzerten begibt man sich mit der Band aufein musikalisches Roadmovie. Manchmal in strengem Schwarzweiß, anderswo in psychedelischen Farben. Gitarrenfahnen wehen am Auto vorbei. Warme Klänge flirren über den Asphalt, türmen sich zur Fata Morgana, die dann im Rückspiegel in wunderschönem Krach wieder zerfällt. Im Scheinwerferkegel wirbelt ein Schlagzeug Staub auf, am Horizont hebt sich ein leuchtender Refrain. Der Motor summt und jault. Auf dem Rücksitz: Songwriter Steffen Nibbe, der das Beobachtete in eigenwillige Prosa fasst und in nüchterner Touristen-Melancholie besingt. Staring Girl graben sich durch das Chaos und explodieren am Ende in sonnigen Farben. Andere würden vielleicht sagen: eine Mischung aus Songwriter-, Americana und Indiepop.In gerade einmal zwei Tagen wurden die sechs Stücke der „EP“ live aufgenommen. Diese Herangehensweise, die Art der Aufnahmen, des Sounds und des Zusammenspiels mögen altmodisch und kauzig wirken –oder eben im besten Sinne komplett aus der Zeit gefallen.

Fast schon mystisch beginnt „Die guten Gedanken“ mit einem lyrischen Appell: abwarten, nichts überstürzen, einfach mal denKopf stillhalten. Nur dann könnte eventuell die Liebe zurückkommen. Countryesk geht es auf „Viertel vor nichts“ weiter. „Was für Geräusche macht ein gebrochenes Herz“, fragt Nibbe, um kurz darauf das Selbstmitleid mit der Zeile „lern endlich schwimmen undnimm’s doch nicht so schwer“ motiviert hinwegzuschubsen. Die Einsamkeitshymne „Cornflakes mit Milch“ wartet mit einem Glockenspiel auf, das an Ennio Morricones „Once Upon A Time In The West“ erinnert. Dabei streichelt das federleichte Schlagzeug die dann doch nicht ganz so erbauliche Stimmung des Erzählers. Das einzig komplett neue Stück der EP, „Autos fahren auf Straßen mit Namen“, sendet schließlich ein kleines „Fuck You“ an den Trauermodus. Der heftige Totalausbruch mit David-Gilmour-Gitarrensolo-Anleihe fegt die rosarote Brille entschieden von der Nase. Apropos Solo: Dass eine deutschsprachige Band so unverkrampft, unpeinlich und geschmackvoll auf Gitarrensoli setzt, ist mindestens bemerkenswert. Auch der Staring Girl-Klassiker schlechthin „Jeder geht allein“ unterstreicht mit einem zarten Solo die adoleszente Liebesbeschreibung. Trotz der Ich-Bin-Wieder-Allein-Thematik bleibt der Hörer glücklich-melancholisch berührt. Zum Abschluss der EP, in „Auf dem Weg zu mir nach Haus“, glänzt am Ende schließlich wieder der Tag. Nibbe findet schlichte Worte für ein sich überwältigendes, einschleichendes Gefühl, das wir getrost Liebe nennen dürfen.

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